Auf der Flucht



Kapitel 15




Sein Kopf schmerzte höllisch, als Ben erwachte. Langsam öffnete er die Augen. Um ihn herum war es bereits stockfinster. Vorsichtig setzte er sich auf, wobei er das Gefühl hatte, sein Kopf würde gleich vor Schmerz platzen. Was war nur passiert? Er versuchte sich zu erinnern. Der Alarm hatte eingesetzt und er hatte hier draußen Geräusche gehört.
„Meg!“
So schnell es sein schmerzender Kopf zuließ, stand er auf. Er musste sich einen Moment gegen das aufgestapelte Feuerholz lehnen, da sich alles um ihn herum drehte. Er atmete gleichmäßig tief durch, bis er keine Sterne mehr vor Augen sah. Dann lief er so schnell er konnte um die Hütte herum.

Sein Herz blieb fast stehen, als er sah, dass die Tür zur Hütte sperrangelweit offen stand. Mit schweren Beinen schleppte er sich zur Tür hinüber.
„Meg!“ Hoffnungsvoll klammerte sich Ben am Türrahmen fest.
Doch er bekam keine Antwort.
Mit zittrigen Beinen betrat Ben die Hütte und sah sich um. Von Meg war keine Spur zu sehen.
Als er sich weiter umsah, entdeckte er, dass an der Schlafzimmertür ein Zettel angeheftet war. Eine eiserne Faust schloss sich um Bens Herz und er musste einen Augenblick um Luft ringen.
Seine Hände zitterten, als er den Zettel abnahm und zu lesen begann.

Conaill, wir haben Dein Mädchen und wenn Du sie wieder sehen möchtest, weißt Du wo Du zu suchen hast!

Obwohl die Nachricht nicht unterzeichnet war, wusste Ben sofort, wer sie hinterlassen hat. Er faltete den Zettel zusammen und steckte ihn ein, bevor er zu seinem Handy griff und wählte. Er wusste genau, was er nun tun musste.

Langsam drangen die Geräusche zu Meg durch. Ihre Lider waren schwer und sie konnte sie nur mit Mühe langsam öffnen. Ihre Kehle war ausgedörrt und sie hatte einen üblen Geschmack im Mund. Als sie versuchte, sich aufzurichten, stellte sie fest, dass ihre Hände gefesselt waren. Tränen der Angst und Verzweifelung schossen ihr in die Augen.
Sie erinnerte sich wieder. Sie war mit Ben in dieser Hütte gewesen. Dann war dort der Alarm ausgelöst worden und Ben wollte nachsehen, was los war. Aber er war nicht wieder zurückgekommen. Und als sie nachsehen wollte, was passiert war, hatte ihr jemand von hinten ein Tuch auf Mund und Nase gewesen. Sie erinnerte sich jetzt auch wieder an den Geruch, den das Tuch verströmt hatte. Es musste Äther gewesen sein.
Und nun lag sie hier mit gefesselten Händen auf dem Rücksitz eines Autos und wurde wer weiß wohin gefahren.
Ein leises Stöhnen entwich Megs trockener Kehle und die beiden Männer auf den Vordersitzen wurden aufmerksam. Der Mann auf dem Beifahrersitz drehte sich zu Meg um und ihr gefror vor Schreck das Blut in den Adern. Dieses Gesicht, mit der Narbe, würde sie ihr Leben lang nicht mehr vergessen.
„Ah, Sie sind aufgewacht“, Patrick Tamory sah Meg mit seinen kalten blauen Augen an. „Es tut mir leid, dass wir Ihnen ein paar Unahnnämlichkeiten bereiten mussten, aber es ließ sich nicht vermeiden.“
Meg wollte etwas erwidern, brachte aber nur ein Krächzen zustande.
Tomary griff nach einer Wasserflasche und beugte sich soweit nach hinten, dass er Meg die Flasche an die trockenen Lippen halten konnte. „Hier trinken Sie einen Schluck, dann geht es Ihnen gleich besser.“
Meg trank einen großen Schluck Wasser. „Wo…wo bringen Sie mich hin und was haben Sie mit mir vor?“
„Keine Angst, Ihnen wird nichts passieren, solange Ihr Freund mitspielt“, antwortete Tamory knapp.
„Wir sind bald da“, mischte sich O’Hara ein, „sorg besser dafür, dass sie wieder schläft.“
Tamory nickte und zog ein kleines, schwarzes Etui aus seiner Tasche.
Megs Augen weiteten sich vor Schreck, als sie sah, wie Patrick Tamory eine Spritze herausholte. „Keine Angst, Sie werden davon nicht viel spüren“, erklärte er, während er mit einem Alkoholtupfer eine Stelle an Megs Arm säuberte. „Wenn Sie wieder aufwachen, werden wir bereits am Ziel ein.“
„Wo?“ brachte Meg hervor, bevor sie den Einstich der Injektionsnadel spürte.
„Zuhause“, antwortete Tamory knapp.
„Irland!“ dachte Meg, dann schlossen sich auch schon ihre Augen und sie fiel in einen tiefen Schlaf.

Ben hielt das Handy fest an sein Ohr gepresst und wartete ungeduldig darauf, dass sich am anderen Ende jemand meldete.
„Lindsey!“
„Hier ist Agent Evans“, gab Ben sich zu erkennen. „Sie haben Miss Cummings!“
„Oh mein Gott, wie konnte das passieren?“ wollte Lindsey wissen.
„Der Alarm ging los und als ich nachgesehen habe, hat mich jemand von hinten niedergeschlagen und dann haben Sie Miss Cummings entführt.“
„Ich schicke sofort ein Team los.“
„Nein“, stoppte Ben ihn. „Sie wollen mich und darum machen wir es diesmal nach meinen Regeln.“
„Agent Evans“, versuchte Thomas Lindsey Ben zu beruhigen. „Wie wollen Sie Miss Cummings denn alleine finden? Wir setzten ein Team darauf an und werden Sie befreien.“
„Nein!“ Bens Stimme wurde ein wenig schärfer. „Sie wollen mich. Ich weiß, wo ich sie finde und was ich zu tun habe. Und falls Sie mir ein Team nachschicken, gefährden Sie damit das Leben von Miss Cummings. Diesmal mache ich es alleine.“
„Agent Evans…“ versuchte es Lindsey noch einmal.
„Halten Sie sich einfach an meine Bitte, mir nicht zu folgen“, sagte Ben noch einmal und legte auf. Dann schnappte er sich die Schlüssel von dem Landrover und verließ die Hütte.
Wie er gerade Thomas Lindsey versichert hatte, wusste er genau, wo er zu suchen hatte und was er zu tun hatte. Er hatte gehofft, nie wieder an diesen Ort zurückkehren zu müssen, aber wenn er Megs Leben retten wollte, blieb ihm nichts anderes übrig und er musste auf den schnellsten Weg nach Belfast reisen.


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