Auf der Flucht



Kapitel 16





Langsam öffnete Meg die Augen. Ein stechender Kopfschmerz durchfuhr sie und sie stöhnte auf. Was war passiert? Nur langsam kehrte die Erinnerung zurück. Sie war mit Ben in der Hütte in den Bergen gewesen. Dann war der Alarm losgegangen und Ben hatte nachgesehen, was los war. Als er nicht zurückkehrte, hatte sie voller Panik nachgesehen und Ben bewusstlos vorgefunden.
Meg setzte sich entsetzt auf, als sie sich weiter erinnerte. Sie war von hinten überfallen worden und jemand hatte ihr ein, mit Äther getränktes, Tuch auf Mund und Nase gedrückt. Was dann passiert war, lag für Meg alles im Dunkeln. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern.

Ängstlich sah sie sich um. Wo war sie nur? Sie lag auf einem Bett und Meg stellte fest, das es mit sauberen, frisch gestärkten Laken bezogen war. Der Raum war nicht groß, blitzte aber vor Sauberkeit. Die alten Holzdielen waren abgetreten, aber scheinbar frisch gewischt. Ein kleines Fenster war zwar vorhanden, aber es war von Außen mit Fensterladen verschlossen, so dass Meg nicht hinaussehen konnte.

Resigniert lies sich Meg wieder auf das Bett zurückfallen. Was hatte das ganze nur zu bedeuten? Und wo war Ben? Ging es ihm gut? War er schwer verletzt? Diese Fragen wirbelten alle in Megs Kopf herum. Plötzlich ging die Tür auf und eine ältere Frau betrat mit einem Tablett in den Händen den Raum.
„Ah gut, Sie sind endlich aufgewacht.“
Sie stellte das Tablett auf den Nachtisch neben dem Bett ab.
„Wo bin ich hier?“ wollte Meg sofort wissen.
„Kleine das darf ich Ihnen leider nicht verraten“, die Frau sah Meg an „Glauben Sie mir, es ist besser für Sie, Kindchen.“
„Und was wird mit mir passieren?“
Die Frau lächelte Meg an „Solange Sie hier bei mir sind und das tun, was man Ihnen sagt, wird Ihnen gar nichts geschehen.“
Meg schloss die Augen einen Moment, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Von der Frau würde sie offenbar nicht die Informationen bekommen, die sie gerne gehabt hätte.
Meg öffnete die Augen wieder und musterte die Frau. Meg schätzte ihr Alter auf fünfzig oder älter. Sie hatte helle, blaue Augen, die sehr wachsam schienen und sie sprach fließend Englisch, aber mit einem Akzent, den Meg nicht kannte. Es war dem Akzent von Bens Englisch ähnlich, aber dennoch nicht gleich.

Wieder öffnete sich die Tür und zwei Männer betraten den Raum. Meg erstarrte vor Schreck.
Das waren die beiden Männer, die sie dabei beobacht hatte, wie sie ihren Chef umgebracht hatten. Patrick Tamory und Kiaran O’Hara. Diese beiden Namen hatten sich für immer in ihr Gehirn eingeprägt.

„Ah, unser Gast ist ja aufgewacht“, stellte O’Hara zufrieden fest.
„Wurde ja auch langsam mal Zeit“, fügte Tamory hinzu.
„Lasst die Kleine zufrieden, sie muss erstmal richtig zu sich kommen“, fuhr die Frau die beiden Männer an.
„Beruhige Dich Briana, wir werden ihr schon nichts tun“, Tamory hob abwehrend die Hände.
„Das will ich auch hoffen“, Briana funkelte die ihn an. „Ihr habt die Arme schon genug verschreckt und nun raus mit Euch.“
„Aber, aber, wir wollten doch nur wissen, wie es unserem Gast geht“, wandte O’Hara ein.
„Wie schon?“ Briana stemmte die Hände in die Hüften. „Den Umständen entsprechend.“
Dann ergoss sich ein Schwall Worte über die beiden Männer, in einer Sprache die Meg völlig unbekannt war. Tamory und O’Hara zogen darauf hin ihre Köpfe ein und verließen den Raum wieder.

Dann drehte sich Briana wieder zu Meg um. „Es tut mir leid, was die beiden Ihnen angetan haben, aber nun ist es nicht mehr zu ändern. Ich versichere Ihnen aber, dass Ihnen hier nichts geschehen wird, darauf passe ich schon auf.“
„Was wollen Sie dann von mir?“ fragte Meg noch einmal.
Briana versteifte sich. „Es geht eigentlich nicht um Sie und nun essen Sie, damit sie wieder zu Kräften kommen.“
Sie drehte sich um und verließ den Raum wieder. Meg hörte, wie der Schlüssel im Schloss umgedreht wurde.
„Es geht eigentlich nicht um Sie…“ diese Worte hallten noch in Megs Kopf nach. Dann wurde ihr plötzlich klar, um was es ging. Um Ben. Sie sollte der Lockvogel für Ben sein. Ein eiskalter Schauer lief Meg über den Rücken.

In der Dunkelheit drückte sich Ben an der Hausmauer entlang. Obwohl er schon lange nicht mehr hier gewesen war, kannte er die Gegend wie seine Westentasche, denn hier war er aufgewachsen.
Er blieb einen Augenblick stehen und sah an der Mauer hoch. Alles im Haus war dunkel. Seine Bewohner schienen wohl alle zu schlafen. Darauf hatte Ben gewartet. Viel einfacher wäre es gewesen, wenn er hätte schon vor Stunden, gleich nach seiner Ankunft, das Haus betreten können. Aber dann hätten ihn vielleicht Augen gesehen, die ihn nicht sehen sollten. Er konnte kein Risiko eingehen. Es ging hier um seine Familie und um die Frau, die er liebte.

Wie ein lautloser Schatten begann Ben die Fassade hinaufzuklettern. Ein Spalier, um das sich dichter Efeu rankte, erleichterte ihm die Sache ungemein. Schon nach wenigen Minuten hatte er das obere Stockwerk erreicht und kletterte auf den kleinen Balkon. Fast musste er lächeln, als er feststellte, dass der Bewohner dieses Zimmers immer noch die Angewohnheit hatte, bei halbgeöffneter Tür zu schlafen. Ben griff durch den Spalt und wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür lautlos und er konnte eintreten.

Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die völlige Dunkelheit im Zimmer zu gewöhnen. Er konnte bereits das gleichmäßige, tiefe Atmen der Person hören, die hier schlief. Erleichtert stellte er fest, dass sich auch in der Einrichtung scheinbar nicht viel geändert hatte. Das Bett stand immer noch am gleichen Platz wie früher. Mit wenigen Schritten war Ben dort und setzte sich auf die Bettkante. Dann schaltete er die Nachtischlampe ein.

„Hey, was soll denn das?“ knurrte die Gestallt unter der Bettdecke und drehte sich um. Verschlafen blickte er Ben an und dann erkannte er ihn.
„Mein Gott Ben, wo kommst Du denn so plötzlich her. Du hast mich fast zu Tode erschreckt.“
„Hallo Derek“, begrüßte Ben seinen Bruder, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war, denn er war sein Zwilling.
Derek setzte sich auf. „Ben! Ich kann es noch gar nicht fassen, dass Du hier bist. Haben Mom und Dad Dich schon gesehen?“
Ben schüttelte seinen Kopf „Nein und sie dürfen auch nicht erfahren, dass ich hier war.“
„Aber warum nicht Ben? Du weißt doch wohl hoffentlich, dass sie sich Sorgen um Dich machen. Schließlich haben sie seit der Sache mit Angela haben sie nicht mehr mit Dir gesprochen.“
„Ich weiß“, seufzte Ben und fuhr sich mit der Hand durch das Haar „aber ich hoffe, das wird sich bald ändern. Wenn die Sache vorbei ist.“
„Wenn was vorbei ist Ben?“ wollte Derek wissen.
„Derek, was ich Dir jetzt erzähle, darfst Du niemanden weiter erzählen. Diese Sache muss unbedingt unter uns bleiben. Es hängen einige Menschenleben davon ab. Hast Du das verstanden?“
Derek nickte „Ja, aber nun spann mich nicht länger auf die Folter.“
Ben schluckte „Hast Du vielleicht einen Whisky da? Ich könnte jetzt gut ein Glas gebrauchen.“
Derek stand auf und ging zu seinem Schreibtisch hinüber. Er öffnete eine Schublade und holte eine Flasche und zwei Gläser hervor. Nachdem er die Gläser gefüllt hatte, kehrte er zu Ben zurück und reichte ihm ein Glas.
„Danke“, Ben trank einen Schluck. „Das ganze ist eine lange Geschichte.“
In der nächsten halben Stunde begann Ben seinem Bruder alles zu erzählen. Angefangen von seiner Arbeit beim Geheimdienst, über die Umstände unter denen seine Frau gestorben war, bis hin zu Meg und den neusten Ereignissen. Derek hörte die ganze Zeit aufmerksam zu und unterbrach Ben nicht ein einziges Mal.
„Mein Gott Ben, davon hatte ja niemand eine Ahnung“, sagte er schließlich, als Ben mit seiner Geschichte am Ende war „Und was willst Du jetzt unternehmen?“
„Meg daraus holen natürlich“, antwortete Ben „Aber das werde ich nicht alleine schaffen. Dafür brauche ich Deine Hilfe.“
„Natürlich helfe ich Dir, gar keine Frage“, nickte Derek.
„Aber es kann gefährlich werden, auch für Dich“, wies Ben seinen Bruder hin.“
„Das ist mir schon klar, aber nichts und niemand könnte mich davon abhalten, meinem Bruder zu helfen. Und so wie ich Dich kenne, hast Du doch bestimmt auch schon einen Plan.“
Ben nickte „Ja, Du kennst doch die Geschichte von dem Hasen und den Igel?“
„Natürlich“, lächelte Derek „die hat Mom uns ja oft genug vorgelesen, als wir Kinder waren.“
„Ja und genau diese Geschichte hat mich auf folgende Idee gebracht…“
In den nächsten Minuten erklärte Ben Derek, was er vorhatte.
Derek hörte aufmerksam zu und nickte dann „Das könnte klappen.“
„Du machst also mit?“
„Klar, wann soll es losgehen?“
„Morgen Abend. Ich muss noch ein paar Dinge vorbereiten“, erklärte Ben.
„Gut“, nickte Derek.
Ben stand auf „Ich nehme dann morgen im Laufe des Tages noch mal Kontakt mit Dir auf und lass Dir die Einzelheiten zukommen.“
„Ich werde bereit sein“, versicherte Derek seinem Zwilling „Und wo willst Du solange hin?“
„In ein sicheres Versteck“, antwortete Ben „Und denk daran, zu niemanden ein Sterbenswörtchen, dass ich heute Nacht hier war.“
„Geht klar“, antwortete Derek und folgte seinem Bruder zum Balkon. „Willst Du das Haus nicht lieber durch die Haustür verlassen?“
„Ein verlockendes Angebot, aber ich kann nicht riskieren, unten Mom oder Dad über den Weg zu laufen.“
„Ich verstehe“, Derek umarmte seinen Bruder „Pass auf Dich auf. Bis morgen dann.“
„Ja, bis morgen dann.“ Mit diesen Worten verschwand Ben nach draußen in die Dunkelheit.


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