Auf der Flucht



Kapitel 17




Derek war ein wenig nervös, als er seinen Sicherheitsgurt anlegte. Dann lehnte er sich in seinem Sitz zurück und versuchte sich zu entspannen. Der Flug nach Belfast würde nur gut anderthalb Stunden dauern, dann würde das Spiel beginnen. Er dachte noch einmal an die letzte Nacht zurück, als Ben plötzlich, wie aus dem Nichts, in seinem Zimmer gestanden hatte und ihn um Hilfe gebeten hatte.

Das schwierigste für ihn war gewesen, nichts zu seinen Eltern zu sagen. Er wusste genau, dass sie sich große Sorgen um Ben machten, aber schließlich hatte er seinem Bruder sein Wort gegeben und das wollte und konnte er nicht brechen. Am Vormittag hatte Ben noch einmal Kontakt mit ihm aufgenommen und ihm seinen Pass, so wie das Flugticket überreicht. Dann hatte er Derek angewiesen, in Belfast vom Flughafen direkt zum Hotel zu fahren, wo bereits ein Zimmer auf den Namen Ben Evans reserviert sei. Dort würde er wieder Kontakt mit ihm aufnehmen.

Eine der Stewardessen begrüßte die Passagiere und informierte sie darüber, wie man sich im Notfall zu verhalten hatte. Derek hörte aber nicht richtig zu. Immer wieder schweiften seine Gedanken ab. Er konnte nur hoffen, dass Bens Plan klappte. Ben war immer ruhiger und bedachter gewesen, als er selber. Vielleicht fiel es ihm deshalb so schwer, sich vorzustellen, dass Ben jahrelang für den Geheimdienst tätig war. Aber andererseits passte dieses auch wieder zu seinem Bruder.

Derek hatte gar nicht bemerkt, dass das Flugzeug inzwischen abgehoben hatte und schreckte aus seinen Gedanken, als er von einer Stewardess angesprochen wurde, die einen Servierwagen vor sich her schob.
„Sir, möchten Sie etwas trinken?“
Derek schüttelte seinen Kopf „Nein danke.“
Als die Stewardess weiter gehen wollte, überlegte Derek es sich noch einmal. „Warten Sie bitte. Wenn ich es mir recht überlege, könnte ich ein Whisky gebrauchen.“
Die Stewardess lächelte „Gern, mit Eis?“
Derek nickte „Ja bitte.“
Die Stewardess griff zu einem Glas und füllte es mit Eis und goss dann eine Bernsteinfarbene Flüssigkeit darüber. Dann reichte sie Derek das Glas.
„Bitte.“
„Danke“, lächelte Derek und nahm das Glas.
Er starrte einige Minuten in das Glas, bevor er es an seine Lippen hob und in einem Zug leerte. Der Alkohol brannte leicht, als er ihm die Kehle hinunter ran, aber gleichzeitig breitete sich eine angenehme Wärme in seinem Körper auf und er merkte, wie sich seine Nerven langsam beruhigten.
Die Stewardess kehrte zurück und lächelte Derek an. „Kann ich noch etwas für Sie tun, Sir?“
Normalerweise hätte Derek sich die Gelegenheit zum Flirten nicht entgehen lassen, denn die Frau vor ihm war äußerst attraktiv. Lange, blonde Haare, die sie zu einem lockeren Knoten aufgesteckt hatte, lange Beine, die ihm endlos erschienen und ein paar blaue Augen, die ihm den Himmel auf Erden versprachen, aber diesmal schüttelte er nur den Kopf. „Nein danke.“
„Rufen Sie mich einfach, falls Sie noch etwas benötigen. Ich bin Kate.“
„Danke Kate, ich werde es mir merken“, nickte Derek.
Er sah der Frau noch einen Moment nach, als sie weiter den schmalen Gang entlang lief. Unter normalen Umständen hätte er alles daran gesetzt, ein Date mit ihr zu bekommen, aber dieses Mal musste er sich auf andere Dinge konzentrieren.

Als das Flugzeug etwas später in Belfast landete, beschleunigte Dereks Puls sich wieder. Nun kam es darauf an, mit Bens Pass durch den Zoll zu kommen. Eigentlich hatte er da keine Zweifel, weil sie doch eineiige Zwillinge waren. Als Kinder hatten sie sich immer wieder den Spaß erlaubt und ihre Lehrer damit fast zur Verzweifelung gebracht, aber diesmal war die Situation eine ganz andere.
Derek hatte nur eine kleine Reisetasche, die er schnell auf dem Gepäckband ausfindig machte. Danach ging er zum Zoll hinüber. Der Beamte überprüfte gewissenhaft den Pass, den Derek ihm reichte. Dann setzte er einen Stempel hinein und reichte ihn Derek zurück.
„Einen angenehmen Aufenthalt, Mr. Evans.“
„Danke“, nickte Derek und steckte den Pass in die Innentasche seines Jacketts.
Dann ging er auf den Ausgang des Flughafens zu. Erleichtert steuerte eins der Taxen an, die vor dem Gebäude auf Fahrgäste warteten. Er öffnete die hintere Tür und lies sich auf den Sitz gleiten.
„Zum Culloden Hotel“, wies er den Fahrer an.
Der Fahrer nickte und fädelte sich in den fließenden Abendverkehr der Stadt ein.
Derek war zuvor noch nie in Belfast gewesen. Aufmerksam sah er sich alles an, was an seinem Fenster vorüber glitt. Die Fahrt führte aus der lebhaften Innenstadt heraus. Bald schon gab es immer größere Lücken zwischen den Häusern mit viel Grün dazwischen. Das Gelände wurde hügliger und dann überquerten sie einen Fluss, von dem Derek annahm, dass es der Lough Belfast war. Aus seinem Reiseführer, den er sich gleich heute Morgen besorgt hatte, wusste er, dass dieser Stadtteil von Belfast Holywood hieß, aber nichts mit dem Hollywood in Kalifornien gemeinsam hatte.
Das Taxi hielt schließlich vor einem palastähnlichen Gebäude und der Fahrer drehte sich zu Derek um.
„Das macht acht Pfund.“
Derek holte seine Brieftasche hervor und zählte die Scheine ab, die er dann dem Fahrer reichte. „Stimmt so.“
Der Fahrer nickte und steckte das Geld ein. Derek griff nach seiner Tasche und stieg aus.
Beeindruckt blieb Derek einen Moment vor dem Eingang des Hotels stehen, bevor er es schließlich betrat.
Die Eingangshalle war elegant, aber nicht protzig eingerichtet. Mittelpunkt war ein riesiger Kamin zu seiner rechten Seite, vor dem einige Sitzgruppen aus bequem aussehenden Sessel standen, die gerade zu einluden, sich darin niederzulassen und die Flammen des Feuers zu beobachten.
Links von Derek war die Rezeption, die er nun ansteuerte.
„Guten Abend“, grüßte er den Portier „ich hatte reserviert. Ben Evans.“
„Guten Abend, Sir“, grüßte ihn der Portier zurück „Einen Augenblick bitte.“
Er schlug ein großes Buch auf und sah nach. „Richtig Mr. Evans. Sie haben Zimmer 204. Wenn Sie sich bitte hier eintragen.“ Er schob Derek das Buch zu und reichte ihm einen Füller.
Derek nahm den Füller und trug sich unter Bens Namen ein. Dann reichte der Portier ihm einen Schlüssel und winkte gleichzeitig einen Pagen herbei.
„Führ Mr. Evans bitte auf Zimmer 204“, wies er den jungen Pagen an und wandte sich dann wieder an Derek „Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt.“
„Danke“, nickte Derek und folgte dem Pagen zum Fahrstuhl.
Wenige Minuten später stand Derek in seinem Hotelzimmer. Er drückte dem Pagen ein Trinkgeld in die Hand und verschloss dann hinter ihm die Tür. Derek sah sich in dem Zimmer um. Es war sehr komfortabel eingerichtet, ohne aber überladen zu wirken. Ein großes Doppelbett war der Mittelpunkt des Raumes. Auf der rechten Seite gab es eine kleine Sitzgruppe vor einem Kamin, in dem schon ein gemütliches Feuer prasselte. In dem Badezimmer gab es sowohl eine Duschkabine, wie eine altmodische Badewanne auf Klauenfüße.
Derek machte sich gleich daran, seine paar Sachen, die er mitgebracht hatte auszupacken, als es an der Verbindungstür klopfte. Neugierig öffnete Derek die Tür.
„Ja bitte?“
Er starrte den fremden Mann, der ihm gegenüberstand an. Er hatte blonde Haare, einen Kinnbart und grüne Augen sahen ihn durch dicke Brillengläser an.
„Hattest Du eine angenehme Reise?“ wollte der Fremde wissen.
Derek stutzte. Die Stimme kannte er doch?
„Ben bist Du das?“
Ben nickte und betrat Dereks Zimmer „Ja, ich bin es.“
Derek war überrascht „Mann, um ein Haar hätte ich Dich nicht erkannt.“
„Das war auch Sinn der Sache. Schließlich soll ja niemand wissen, dass es mich in der doppelten Ausgabe gibt. Gab es bei Dir irgendwelche Komplikationen?“
Derek schüttelte seinen Kopf „Nein, es lief alles ganz glatt, wie Du vorausgesagt hast.“
„Gut“, nickte Ben zufrieden.
„Und was machen wir nun? Wie geht es weiter?“ wollte Derek von seinem Bruder wissen.
„Nun warten wir, bis sie Kontakt mit Dir aufnehmen.“
„Und wenn das nicht geschieht? Wenn sie nicht wissen, dass ich, beziehungsweise Du im Land bist?“ Derek war ein wenig skeptisch.
„Keine Angst, ich wette sie wissen bereits, dass Ben Evans heute Abend in Belfast gelandet ist“, erklärte Ben ruhig.
„Na gut“, nickte Derek „dann warten wir also.“
Ben setzte sich „Und ich wette, wir brauchen nicht lange zu warten.“


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